Warum es an der Zeit ist, die US-Wasserinfrastruktur zu modernisieren

Wenn die Wasserinfrastruktur der USA ein Paket Milch in Ihrem Kühlschrank wäre, hätten Sie sie schon vor ewigen Zeiten entsorgt. Wäre sie ein Schüler, wäre ihr Notendurchschnitt mehr als bescheiden. Wie konnte es so weit kommen? Impeller sprach mit Joe Vesey, Senior Vice President und Chief Marketing Officer bei Xylem, um mehr über das Problem zu erfahren und wie es gelöst werden kann.

„Ein Großteil der US-amerikanischen Wasserinfrastruktur wurde vor mehr als 100 Jahren gebaut“, erklärt Vesey, „vor allem zwischen 1925 und 1940. Der größte Teil der Infrastruktur hat eine Nutzungsdauer von 50 bis 75 Jahren, d. h., dass wir im Durchschnitt weit darüber liegen.“

Die veraltete Infrastruktur führt dazu, dass es häufig zu Leckagen kommt. Einige Experten schätzen, dass in den USA jährlich mehr als 7,5 Milliarden Kubikmeter aufbereitetes Wasser aufgrund von Leckagen und Rohrbrüchen in den Hauptsammlern verloren gehen. Das bedeutet, dass Wasserversorgungsunternehmen, die bereits mit eingeschränkten finanziellen Mitteln zu kämpfen haben, Wasser aufbereiten, das weder verbraucht noch bezahlt wird.

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„Ich habe großen Respekt vor unseren Kunden und vor der Arbeit, die sie in ihren Gemeinden leisten“, erklärt Vesey. „Sie müssen in Anbetracht ihrer Aufgaben mit einem recht kleinen Budget auskommen, dennoch schaffen sie es, mit ihren veralteten Anlagen Millionen von Kunden zuverlässig mit qualitativ hochwertigem Wasser zu beliefern. Hier kommt ein enormer Einfallsreichtum zum Tragen, der kaum gewürdigt wird.“

Häufige Rohrbrüche in Hauptsammlern und überlaufende Abwasserkanäle

Trotz aller Bemühungen kann es für Wasserversorger schwierig sein, eine Infrastruktur zu managen, die in einigen Fällen über hundert Jahre alt ist. Hauptsammler, die seit langem ausgedient haben, sind hierfür ein gutes Beispiel. Laut der American Water Works Association (AWWA) kommt es in den USA pro Jahr zu geschätzten 240 000 Rohrbrüchen in Hauptsammlern.

2015 beispielsweise wurden die Einwohner von Hollywood Hills in Los Angeles mitten in der Nacht dadurch geweckt, dass Wasser ihre Häuser überschwemmte. Ein 1926 installierter, gusseiserner Hauptsammler war gebrochen, und knapp 400 Kubikmeter Wasser ergossen sich in das Wohnviertel, brachen Bürgersteige auf und spülten Autos fort.

Mischwasserentlastungen sind ein weiteres großes Problem bei der Wasserinfrastruktur.

„Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren sämtliche Strände im Umkreis von New York am 4. Juli aufgrund von überlaufender Kanalisation geschlossen wurden“, erzählt Vesey. „Wenn Kanalisations- und Regenwassersysteme ein gemeinsames Leitungsnetz nutzen, kann dies dazu führen, dass Abwasser in Seen und Meere fließt. Infrastruktur, die dies verhindern könnte, wurde an einigen Orten jedoch nie installiert, und dies ist im Nordosten ein großes Problem.“

Schlechte Noten für die US-amerikanische Wasserinfrastruktur

Die American Society of Civil Engineers veröffentlichte kürzlich seine Report Card for America’s Infrastructure für 2017, eine Art Zeugnis, das alle vier Jahre herausgegeben wird. Die gesamten US-Infrastruktur erhielt die Note D+ und die Trinkwasser- und Abwasserinfrastruktur schnitten mit D bzw. D+ nicht besser ab.

Laut Beurteilung hat durch „das jahrelange Modernisieren von Kläranlagen und durch strengere bundes- und landesrechtliche Bestimmungen der Austritt von ungeklärtem Wasser deutlich abgenommen und die Wasserqualität hat sich landesweit verbessert“, es müsse jedoch noch mehr getan werden. „Es wird erwartet, dass innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte mehr als 56 Millionen neue Nutzer an zentralisierte Aufbereitungssysteme angeschlossen werden, d. h., dass mindestens $271 Milliarden erforderlich sind, um die aktuellen und zukünftigen Anforderungen zu erfüllen.“

Klimawandel und eine wachsende Bevölkerung

Die USA brauchen eine neue, verbesserte Infrastruktur und zwar nicht nur, weil das aktuelle System veraltet ist, sondern auch, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden.

„Der Klimawandel erhöht die Notwendigkeit neuer, widerstandsfähigerer Infrastruktur ebenfalls“, fährt Vesey fort. „In den letzten Jahren hatten wir fünfzehn 100-Jahres-Regen, die eigentlich nur einmal alle 100 Jahre stattfinden sollen. Wir stellen fest, dass Überschwemmungen und Dürren zunehmend schlimmer werden, was unsere Infrastruktur zusätzlich belastet.“

Ein weiteres Problem ist der Anstieg des Meeresspiegels, der im Küstenbereich zum Eindringen von Salzwasser in Aquifere und zu Überschwemmungen führt, hiervon besonders betroffen ist der Südosten Floridas.

„Wenn die Menschen an Wasserinfrastruktur denken, denken sie an die tatsächlichen Sachwerte, und das ist auch meistens korrekt“, erklärt Vesey. „Wir müssen aber auch daran denken, wie diese Infrastruktur sich auf unsere Wasserversorgung auswirkt. Versorgungsunternehmen brauchen innovative und gleichzeitig praktikable Lösungen, um das Eindringen von Salz- und Brackwasser und die zunehmende Entleerung von Aquiferen zu verhindern, Probleme, mit denen beispielsweise Kansas und Kalifornien zu kämpfen haben. Im Fall der beanspruchten Aquifere hat Xylem bereits eine Wasseraufbereitungslösung für Los Angeles entwickelt, um die Grundwasserschicht wieder aufzufüllen.“

Die wachsende Bevölkerung und die Tatsache, dass immer mehr Menschen in die Städte ziehen, stellen weitere Herausforderungen an die städtische Wasserinfrastruktur. Laut AWWA werden ca. $1 Billionen erforderlich sein, um die Trinkwasserversorgung innerhalb nächsten 25 Jahre an den wachsenden Bedarf anzupassen.

Warum die USA nicht mehr in Wasserinfrastruktur investiert haben

„Es gibt mehrere Gründe, warum wir nicht mehr investiert haben, und einer davon ist, dass diese Vermögenswerte getreu der Devise „aus den Augen aus dem Sinn“ nur wenig Beachtung finden“, sagt Vesey. „Der größte Teil dieser Infrastruktur verläuft unterirdisch. Wenn man den Menschen den Zustand der Wasser- und Abwasserleitungen zeigen könnte, wäre allen klar, dass dringend etwas getan werden muss. Schließlich würde man ja bei einer baufälligen Brücke auch nicht warten, bis sie einstürzt.“

Vesey erklärt, dass sich die Art und Weise, wie in den USA Infrastruktur finanziert wird, geändert hat. „Die Bundesförderung hatte um 1976 ihren Höhepunkt, als $17 Milliarden staatliche Mittel für Wasserinfrastruktur ausgegeben wurden. Heute liegen die staatlichen Ausgaben bei ca. $4 Milliarden, und die Finanzierung von Infrastruktur wird jetzt zunehmend auf die Bundesstaaten übertragen, die sie wiederum an die Eigentümer weitergeben.“

Vesey berichtet weiter, dass es aufgrund dieser Veränderung jetzt noch wichtiger ist, die Notwendigkeit einer besseren Infrastruktur ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

Veränderungen bei der Finanzierung von Wasserinfrastruktur

„Ich glaube, dass wir mehrere Möglichkeiten haben, die Mittel zur Finanzierung von Infrastruktur zu erhöhen“, erklärt Vesey. „Als Erstes muss das Gesetz zur Finanzierung und Innovation von Wasserinfrastruktur, Water Infrastructure Finance and Innovation Act, erweitert werden, das Versorgungsunternehmen langfristige, günstige Kredite für Infrastrukturprojekte ermöglicht. Es ist ein hervorragendes Gesetz, und wir müssen die Mittel erhöhen, die durch das Gesetz verfügbar sind.“

Vesey meint, dass die fortgesetzte Steuerbefreiung von Kommunalanleihen ebenfalls hilfreich ist. „Die fortgesetzte Steuerbefreiung ist ein Weg, Versorgungsunternehmen auch weiterhin eine große Menge Kapital zur Verfügung stellen zu können“, erklärt er. „Außerdem müssen wir vereinfachen und mehr Projekte für öffentlich-private Partnerschaften öffnen, was eine weitere Möglichkeit ist, den Zugang von Versorgungsunternehmen zu privatem Kapital zu erhöhen.“

„Unser CEO Patrick Decker war Mitglied im Executive Council on Infrastructure des Bipartisan Policy Centers, in dem Lösungen zur Förderung von öffentlich-privaten Partnerschaften in der Wasserindustrie vorgelegt wurden“, fährt Vesey fort. „Ich empfehle jedem, den Bericht des Rats zu lesen.“

Wasserprobleme ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken

Laut einer kürzlich von Circle of Blue durchgeführten Untersuchung werden die Wassergebühren in großen Städten in den USA weiter ansteigen, und Vesey meint, dass es immer wichtiger wird, dass die Verbraucher verstehen warum.

„Versorgungsunternehmen müssen in ihren Gemeinden präsenter werden“, fährt Vesey fort. „Sie müssen erklären, welchen Herausforderungen sie gegenüberstehen und warum die Gebühren ansteigen. Derzeit liegen die Wassergebühren sogar unter dem Betrag, den Verbraucher für ihren Kabelanschluss zahlen. Gleichzeitig müssen die unterschiedlichen Einkommensgruppen berücksichtigt werden. Studien zeigen, dass 30 Prozent der US-Bürger Probleme haben, ihre Wassergebühren zu zahlen. Hier könnten Versorgungsunternehmen Zähler installieren, mit denen sie ihre Gebühren entsprechend der unterschiedlichen Einkommensstufen staffeln können.“

Es steht viel auf dem Spiel

„Es gibt enormes Fachwissen in den Wasserversorgungsunternehmen und einen enormen Einfallsreichtum, denen wir verdanken, dass unser Wasser fließt“, erklärt Vesey. „Ein Großteil dieser Arbeit geschieht im Verborgenen und erhält keine Ankerkennung. Stellen Sie sich nur einmal vor, was passieren würde, wenn plötzlich kein Wasser mehr aus dem Hahn käme. Sie können sicher sein, dass die Leute dann genau wüssten, wie ihr lokaler Wasserversorger heißt.“

Vesey gibt zu bedenken, dass sich die Situation schnell enorm verschlechtern kann, wenn die Wasserinfrastruktur zusammenbricht, oder neue Probleme entstehen, die unbeachtet bleiben.

„1993 gab es in Milwaukee einen Cryptosporidium-Ausbruch aufgrund einer Fehlfunktion in der dortigen Kläranlage“, berichtet er. „Über 400 000 Menschen infizierten sich und erkrankten und mehr als 100 starben. Daran wird deutlich, wie viel auf dem Spiel steht, wenn es zu Problemen kommt. Wasserversorgungsunternehmen machen mit den beschränkten Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, eine hervorragende Arbeit, und wir müssen sicherstellen, dass wir sie auf jede nur erdenkliche Art und Weise unterstützen.“

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